13. April 2016

Warum Work-Life-Balance (doch kein) Unsinn ist.

Es gibt Menschen, die kommen irgendwann in ihrem (Arbeits-)Leben an einen Punkt, da feiern sie jeden Abend auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Sie feiern, dass sie wieder einen Tag „geschafft“ haben. Dass der Arbeitstag endlich vorbei ist.
Und dann gibt es Menschen, die sind noch eine Stufe weiter. Sie leben nur noch von Wochenende zu Wochenende. In der Woche, nach Feierabend, geht nichts mehr. Einfach keine Kraft mehr. Da bleiben dann nur zwei von sieben Tagen für das eigene Leben. Wenn überhaupt. Glücklicherweise gibt es ja noch unsere Feiertage...

Seien Sie mal ehrlich. Wie viel von den beiden Gruppen kennen Sie auch? Dann sind Sie wohl jemand, der seine Work-Life-Balance nicht im Griff hat.

So mancher Experte rät heutzutage dazu, einen Ausgleich für die immer anspruchsvollere Arbeit zu finden. Mancher empfiehlt körperliche Betätigung. Die Fitness-Studios freuen sich und im Park trifft man viele Gleichgesinnte beim täglichen Jogging. Andere bevorzugen Entspannungstechniken, die Körper, Geist und Seele gleichermaßen besänftigen wollen. Fernöstliche Methoden finden genauso Zuspruch wie westlich-wissenschaftliche oder spirituell-esoterische. Der Markt boomt.

Und wozu das alles? Ganz klar: Work und Life sollen (wieder) in Balance kommen.

Die Wippe


Wenn ich das Wort „Balance“ lese, denke ich an eine Waage oder Wippe.  Ein langer Balken ist in der Mitte gelagert. In Richtung der beiden Enden befinden sich zwei Schalen. Die Eine beinhaltet alles, was mit der Arbeit zu tun hat. Die Andere wird gefüllt mit den Dingen des (Freizeit-)Lebens.

Sobald ich etwas in z.B. die Arbeits-Schale lege, muss ich in die Lebensschale auch etwas vergleichbar schwerwiegendes legen. Nur so bleibt alles im Gleichgewicht. Das klingt logisch.

Jedoch: Gelingt das wirklich? Ich erlebe viele Menschen, deren Freizeitstress mindestens genauso groß ist, wie der alltägliche betriebliche „Wahnsinn“. Natürlich ist hier alles ausgeglichen. Der Balken der Waage ist im Gleichgewicht.

Dummerweise füllt sich oft die Arbeits-Schale von allein. Was da so alles hineinfällt kann nur teilweise kontrolliert werden. Und wer schafft es schon, etwas aus dieser Schale herauszunehmen. Da muss dann zum Ausgleich wieder etwas in die Lebensschale.

Auf Spielplätzen finden wir häufig ein Schild: „Nur für Kinder bis 14 Jahren“. Das hat seinen guten Grund. Die Spielgeräte halten die Belastung größerer Kinder einfach nicht aus. Viele packen aber so viel Gewicht in die Schalen, dass sich im wahrsten Sinne des Wortes der Balken biegt. Das sind die Menschen, die in Depression und Burn-Out geraten. Leider wissen wir nicht, wie tragfähig unser Balken ist.

Ich finde dieses Bild mit der Wippe wirklich schön. Nur nicht das, was wir damit machen.

Das Hebelgesetz


Das Problem ist eigentlich ein ganz anderes. Ist Ihnen schon mal bei der Wippe auf dem Spielplatz aufgefallen, dass auch relativ leichte Kinder ein Schwergewicht halten können? Es kommt nur auf die Position auf dem Balken an.

Mit dem Begriff „Work-Life“ verbinden heute viele Menschen einen großen Unterschied. Arbeit wird als vollständig verschieden empfunden gegenüber dem Leben. Während „Life“ mit „Zeit für mich“, mein eigentliches Leben, verbunden wird, ist „Work“ das genaue Gegenteil. „Work“ ist Zeit, die der Arbeit, dem Chef, den Kunden – jedenfalls nicht mir – gehört. Ich habe den Eindruck, dass wir diesen Unterschied immer stärker leben und erleben. Ein Bekannter sagte mir einmal: „Früher hatte ich einen Beruf, heute habe ich einen Job.“ Und er war zutiefst unzufrieden.

Wenn wir diesen Unterschied so stark empfinden, schieben wir die Work-Schale auf der Wippe ganz weit ans Ende des Balkens. Selbst kleine Änderungen haben eine große Wirkung auf die andere Seite.

Und wenn wir dem inflationären Freizeit-Wahn verfallen, dann schieben wir die Life-Schale in Richtung der Mitte. Ich brauche immer mehr kurzfristiges Vergnügen. Nach den Hebelgesetzen entfalten die Aktivitäten dann kaum noch eine Wirkung.

Zum Glück gibt es mittlerweile auch den Begriff der Resilienz. Damit ist eine psychische Widerstandsfähigkeit gemeint, auch gegen Stresssituationen. Durch Nutzung von persönlichen Eigenschaften und sozialen Ressourcen wirken wir den Stressfaktoren entgegen. So die Theorie. Leider verschieben viele damit ihre „Life“-Schale auch nur ans Ende des Balkens, bis er sich biegt.

Das Gleichgewicht


Es gibt nur eine Position für die Schalen auf der Wippe, in der immer ein Gleichgewicht herrscht. Und das völlig unabhängig davon, wie schwer der Inhalt der einzelnen Schalen wiegt. Das tolle an dieser Position ist, dass sogar große Veränderungen in der einen oder anderen Schale die Balance nicht stören können. Das ist mal echte Resilienz. Außerdem kann der Balken an dieser Stelle das größte Gewicht tragen, ohne sich zu biegen oder zu brechen.

Sie sind bestimmt schon darauf gekommen: Es ist genau die Mitte, wenn beide Schalen übereinander exakt auf der Drehachse stehen. Oder besser noch, wenn es dort nur eine gemeinsame Schale gibt.

Das heißt im Klartext: Es gibt keinen Unterschied zwischen Leben und Arbeit. Wenn es uns gelingt,  eine Sichtweise zu erlangen, in der wir unsere Arbeit bejahen und als wichtigen Teil unseres Lebens begreifen, dann ist unser Leben ausgewogen. Wie wäre es, wieder Freude an dem zu haben, was ich zu mehr als der Hälfte meines Lebens tue? Oder wenn ich nur das mache, woran ich Freude habe? Nicht nur am Wochenende. Immer und zu jeder Zeit.

Daran kann man doch arbeiten – oder? Wie das für Ihre individuelle Situation funktionieren kann, dafür gibt es kein Patentrezept. Aber ich bin mir sicher, dass Sie einen Weg für sich finden können, wenn Sie nun anfangen darüber nachzudenken. Ein guter Coach kann Ihnen dabei übrigens hervorragend helfen.

Jedenfalls stimmt (nur) an dieser Stelle für mich die Work-Life-Balance wieder.

Mit den besten Wünschen für Ihr Gleichgewicht
Matthias Gröne

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